Zur EKD-Schrift „Entscheiden jenseits vertrauter Horizonte“ und der Frage nach Grundentscheidungen in der kirchlichen Transformation

Bildung als strategischer Ort kirchlicher Zukunft

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat mit der Schrift „Entscheiden jenseits vertrauter Horizonte. Zukunftsszenarien für evangelische Bildung und Kirche“ ein neues Impulspapier vorgelegt. Ausgangspunkt ist der Bildungsbereich. Von hier aus werden mithilfe von Szenarien neue Wege kirchlicher Entscheidungsfindung erprobt – mit dem ausdrücklichen Anspruch, damit über den Bildungsbereich hinaus auch ein Modell für andere kirchliche Handlungsfelder entwickelt zu haben.

Das ist bemerkenswert – und mutig. Doch gerade im Bildungsbereich bündeln sich derzeit in der Tat Fragen, die weit über pädagogische Fachprobleme hinausreichen: Fragen nach Identität und Transformation, christlichem Profil und öffentlicher Verantwortung in einer säkularen Gesellschaft. Bildung ist dabei kein Nebenschauplatz. Sie steht im Zentrum, in dem sich entscheidet, wie Kirche sich versteht – und wie sie verstanden wird.

Ich lese diese Schrift deshalb mit besonderer Aufmerksamkeit. Nicht nur theoretisch, sondern aus praktischer Verantwortung im Bildungsbereich heraus. Was hier entwickelt wird, ist exemplarisch.

Die Schrift setzt bei einer nüchternen Diagnose einer zunehmend unübersichtlichen Welt an: Entscheidungen werden unter Bedingungen wachsender Unsicherheit getroffen. Verlässliche Prognosen tragen kaum noch. Deshalb schlägt das Impulspapier einen Szenarienansatz vor. Szenarien werden nicht als Zielbilder oder Masterpläne verstanden, sondern als Möglichkeitsräume. Sie beruhen auf Grundentscheidungen – etwa zur Nähe oder Distanz zum Staat, zur Frage von institutioneller Stabilität oder projektförmiger Flexibilität, zur Gewichtung von Profilbildung und Offenheit. Diese Grundentscheidungen und ihre Konsequenzen müssen transparent gemacht und theologisch reflektiert werden.

Durch alle Felder kirchlicher Bildungsarbeit hindurch werden anschließend verschiedene Szenarien (mit ihren unterschiedlichen Grundannahmen) durchgespielt: von der Kita über Religionsunterricht und Schule bis zur Jugendarbeit, Erwachsenenbildung und Konfliktarbeit. So wird sichtbar, welche Grundentscheidungen welchen Szenarien zu Grunde liegen und welche Auswirkungen diese auf die Gestaltung der verschiedenen Bereiche kirchlicher Bildungsarbeit haben.

Ein eigener Abschnitt ordnet dann das Ganze kirchen- und bildungstheoretisch ein. Dabei treten konkurrierende Kirchenbilder hervor – etwa die Spannung zwischen Kirche als communio und Assistenz. Auch das Bildungsverständnis wird in mehreren Dimensionen entfaltet. Der Abschnitt mündet in eine organisationstheoretisch untermauerte Ermutigung, Entscheidungen zu fällen.

Abschließend folgen noch einige Anregungen zum praktischen Gebrauch des Textes.

Ein starkes Instrument: Grundentscheidungen und Szenarien

Zweifellos: Die Bildungsschrift ist gelungen. Nicht nur, aber auch, weil sie Bildung als strategischen Schlüssel der Kirchenentwicklung begreift. Bildung erscheint hier nicht als Randaufgabe, die man in Krisenzeiten zurückfährt. Sie wird als Transformationsmotor verstanden. Hier entscheidet sich, wie Kirche künftig Gestalt gewinnt. Auch wenn Bildung nicht isoliert zu betrachten ist, sondern in dem größeren Zusammenhang kirchlicher Entwicklung – als Teile eines Ganzen. Das zwingt zur Verständigung über ein gemeinsames Bild von Kirche.

Besonders leistungsfähig ist aber vor allem das Instrument der Szenarien. Szenarien strukturieren Komplexität, ohne sie zu glätten. Sie machen Alternativen sichtbar und greifbar. Sie zeigen dabei auch, dass der Status quo nicht alternativlos ist, sondern dass es sehr wohl Handlungsspielräume gibt.

Wichtig finde ich vor allem den Verweis auf die den Szenarien und Entscheidungen zugrunde liegenden theologischen Grundentscheidungen. Organisatorische Optionen werden nicht einfach als zufällig präsentiert, sondern als Ausdruck normativer Setzungen. Das entspricht meinen eigenen Überlegungen zu impliziten Axiomen kirchlicher Debatten (vgl. funkensplitter.de). Entscheidungen beruhen auf Vorannahmen. Diese sichtbar zu machen, ist kein Luxus, sondern Voraussetzung theologischer Redlichkeit.

Mit alledem macht das Impulspapier Mut zur Entscheidung. Es lädt dazu ein, Grundlagen und Szenarien zu reflektieren – aber dann auch zu entscheiden.  

Bildung relational denken

Nimmt man den Anspruch ernst, Grundentscheidungen offenzulegen, so muss man diesen aber auch auf das Impulspapier selbst anwenden. Welche impliziten Akzente setzt es selbst?

Auffällig ist zunächst der Bildungsbegriff. Bildung wird stark vom Individuum her gedacht: Aneignung, Orientierung, Selbstverhältnis. Sozialität wird nicht negiert, aber sie erscheint nachgeordnet. Das Subjekt kommt zuerst, das Soziale folgt. Dies entspricht der Linie des vorangegangenen EKD-Bildungspapiers: Bildungsbiographien ermöglichen (vgl. dazu meine kritische Würdigung).

Hier liegt eine Engführung. Bildung ist nicht primär autonome Selbstformung. Theologisch gesprochen: Das Subjekt existiert nie ohne Gegenüber. Bildung ist dialogisch, relational, institutionell vermittelt. Identität entsteht im Gespräch und im Widerstand. Das Bildungssubjekt ist nie isoliert. Wenn man das ernst nimmt, verschiebt sich auch der Blick auf die Grundentscheidungen der Szenarien. Dann geht es nicht nur um individuelle Plausibilität, sondern immer zugleich(!) um Sozialität und deren Gestalt.

Kirche zwischen Assistenz und Communio

Diese individualisierende Tendenz zeigt sich auch im Kirchenverständnis. In den „kirchentheoretischen Perspektiven“ wird die ekklesiologische Spannung zwischen communio und Assistenz aufgemacht. Im Argumentationsgang aber gewinnt die Assistenzfunktion von Kirche deutliches Gewicht. Kirche erscheint vor allem als Ermöglichungsraum für individuelle Kommunikation des Evangeliums.

Das ist nicht falsch – aber es bleibt zu schmal. Kirche ist mehr als Assistenz. Sie ist nicht nur Ermöglichungsstruktur, sondern soziale Wirklichkeit des Glaubens. Institutionell, gemeinschaftlich, konflikthaft. Wer sie primär individualistisch denkt, unterschätzt ihre strukturelle und gesellschaftliche Verfasstheit.

Damit verschiebt sich auch das Verständnis davon, wie Entscheidungen entstehen.

Entscheiden im Machtraum

Die Schrift legt ein klares Modell vor: Grundentscheidung – Szenario – Strategie. Das ist heuristisch stark. In der Realität kirchlicher Prozesse wirkt es zu glatt. Entscheidungen entstehen nicht durch lineare Deduktion. Sie werden synodal ausgehandelt, korrigiert, neu bewertet. Es fehlt (im Schema auf Seite 26) der Pfeil zurück.

Hinzu kommt die Frage nach Macht. Innerkirchliche Entscheidungsprozesse sind nicht neutral. Diskurse, Ressourcen, Positionen strukturieren, was sagbar und machbar ist. Hier braucht es im Blick auf real getroffene und zu treffende Entscheidungen eine ausgeprägtere Machtsensibilität: Macht als Bedingung von Gestaltung, aber auch als Problem – das aber reflektiert werden muss. Man könnte hier durchaus an Foucault erinnern.

Dies gilt gerade auch im Verhältnis von Kirche und Gesellschaft: Nähe oder Distanz zum Staat sind keine rein theologischen Optionen. Sie stehen unter rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen. Entscheidungen entstehen in einem Machtraum, nicht außerhalb von ihm.

Kompromiss als verantwortete Praxis

Nimmt man diese Realität ernst, wird klar: Entscheidungen sind selten idealtypisch rein. Sie sind Kompromisse. Und sie bleiben fragmentarisch.

Grundentscheidungen und Praxis sind deshalb nicht immer kongruent. Verschiedene Arbeitsfelder können unterschiedliche Szenarien verlangen – selbst wenn ihre theologischen Ausgangspunkte spannungsreich sind. Und umgekehrt können ähnliche Grundentscheidungen unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen zu verschiedenen Praxisformen führen.

Hier wäre es hilfreich, den Kompromiss theologisch zu rehabilitieren. Kompromiss bedeutet nicht Verrat. Er kann Ausdruck geteilter Verantwortung sein. In einer gebrochenen Wirklichkeit ist Reinheit selten möglich. Verantwortetes Handeln dagegen schon.

Vielleicht gehört es zur geistlichen Nüchternheit kirchlicher Leitung, Kompromisse nicht zu kaschieren, sondern sie als das zu benennen, was sie sind: bestmögliche riskante Entscheidungen unter realen Bedingungen.

Mut zur Entscheidung

Trotz aller Kritik bleibt „Entscheiden jenseits vertrauter Horizonte“ ein starker Impuls. Sie rückt Bildung mit Recht in die Mitte der Transformationsdebatte. Und sie legt mit dem Szenarienmodell ein Instrument vor, das weit über den Bildungsbereich hinausweist.

Wenn wir die gegenwärtigen Umbrüche verantwortlich gestalten wollen, wird dieses Nachdenken nötig sein – in allen kirchlichen Arbeitsfeldern. Es braucht theologische Klarheit. Es braucht den Mut zur Entscheidung. Und es braucht die Bereitschaft, Entscheidungen auch dann zu treffen, wenn sie keine Garantie auf Eindeutigkeit oder Erfolg bieten.

Kirchliche Zukunft entsteht nicht dort, wo alles geklärt ist.

Sie entsteht dort, wo unter realen Bedingungen entschieden wird – reflektiert, verantwortet und im Wissen um Fragmentarität, Machtkonstellationen und die Möglichkeit des Irrtums.

Auf der Bahn wohlgeprüfter Wahrheit mutig voranzuschreiten…, darin könnte wieder kirchliche Zukunft liegen.

CM 5.3.26


Dieser Text ist unter Nutzung einer KI entstanden. Die tragenden Gedanken, Überzeugungen und theologischen Setzungen verantwortet der menschliche Autor; die KI war Werkzeug und Resonanzraum.

Entscheiden lernen

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert