Szenen für eine Kirche im Wandel

Das EKD-Impulspapier „Entscheiden jenseits vertrauter Horizonte“ und der Transformationsprozess der EKP

Die evangelische Kirche der Pfalz befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Die Ursachen dafür sind bekannt: Mitgliederschwund, Ressourcenrückgang, Säkularisierung, der schleichende Bedeutungsverlust der Kirchen. Deshalb diskutieren wir im Moment intensiv über die künftige Struktur und Ausrichtung der evangelischen Kirche.

Auf den ersten Blick stehen dabei gegenwärtig vor allem Verfassungsfragen und Fragen der Kirchenorganisation im Zentrum: Verhandelt werden Organisationsformen, Zuständigkeiten, Rechtsfragen, Ressourcen und Strukturen. Doch nur oberflächlich betrachtet handelt es sich dabei um eine bloße Organisationsdebatte. Denn im Hintergrund treten immer wieder unterschiedliche Vorstellungen davon hervor, was Kirche ist, wie sie sein soll und wie sie künftig ihren Auftrag versteht.

Gerade darin liegt für mich ein entscheidender Punkt. In dieser Debatte wird sehr wohl theologisch argumentiert — nur oft implizit. Die theologischen Voraussetzungen, die tieferen Überzeugungen, die Kirchenbilder, die hinter einzelnen Reformvorschlägen stehen, werden selten ausdrücklich benannt. Sie wirken unterschwellig, brechen aber an bestimmten Konfliktpunkten immer wieder auf. Darum lohnt es sich, die gegenwärtige Diskussion nicht nur als Strukturdebatte, sondern auch als theologische Debatte um das Kirchenbild und um die Zukunft der Kirche zu lesen. Auf diese impliziten Axiome habe ich an anderer Stelle bereits hingewiesen.

Nun hat die Bildungsabteilung der EKD jüngst eine wegweisende Schrift vorgelegt: „Entscheiden jenseits vertrauter Horizonte“. Sie fokussiert zwar auf den Bildungsbereich (dazu habe ich bereits aus bildungstheologischer Perspektive Stellung genommen: siehe hier), aber der darin vertretene Ansatz lässt sich gut auch auf andere kirchliche Felder übertragen. Das Impulspapier arbeitet mit der Idee, zu einzelnen Handlungsfeldern verschiedene Szenarien zu entwickeln. Diese Szenarien machen unterschiedliche Optionen sichtbar und können gerade dadurch helfen, Entscheidungen zu klären. Zugleich zeigt das Papier verschiedene Grundentscheidungen auf, die hinter den einzelnen Szenarien stehen. Gerade darin liegt sein Reiz: Es macht sichtbar, wie bestimmte Grundannahmen zu bestimmten Szenarien führen und umgekehrt, auf welchen Vorentscheidungen bestimmte Modelle beruhen.

Auch für unsere pfälzische Debatte scheint mir dieser Ansatz fruchtbar. Denn auch bei uns gibt es typische Streit- und Klärungsfelder, in denen es helfen könnte, Alternativen nicht nur unterschwellig mitlaufen zu lassen, sondern sie deutlicher zu benennen. Es geht darum, Klarheit darüber zu gewinnen, welche theologischen und kirchlichen Vorentscheidungen in der laufenden Debatte wirksam sind.

Die EKD-Schrift arbeitet mit sechs Grundentscheidungen:

  • dem Verhältnis von Kirche und Staat,
  • der Reichweite kirchlicher Präsenz,
  • der Handlungslogik kirchlicher Praxis,
  • dem Verhältnis zu anderen,
  • der Frage nach Auftrags- und Sachorientierung bzw. Subjektorientierung,
  • dem Selbstverständnis der Kirche nach innen oder nach außen.

Diese Raster sind keine mechanischen Schablonen, aber sie helfen, Konflikte lesbarer zu machen. Anhand zweier Felder möchte ich im Folgenden exemplarisch zeigen, wie solche Szenarien für unsere Diskussionen fruchtbar gemacht werden können:

1. Kirchengemeinde und Rechtsgestalt

Im Moment wird wohl am heftigsten um die künftige Rechtsgestalt der Kirchengemeinde gerungen. Gerade hier zeigt sich, dass es nicht nur um Verwaltungstechnik geht. Im Hintergrund steht die Frage, wie Kirche künftig verfasst sein soll: wie viel Selbstständigkeit die örtliche Gemeinde behält, wie viel Verbund nötig wird, wie Nähe, Verantwortung und Handlungsfähigkeit zusammengebracht werden können.

a) Die Kirchengemeinde bleibt Körperschaft des öffentlichen Rechts.
Die Stärke dieses Modells liegt auf der Hand. Die Gemeinde bleibt rechtlich und symbolisch eigenständig. Verantwortung bleibt dort verankert, wo kirchliches Leben konkret sichtbar ist. Das hat Gewicht, gerade in evangelischer Perspektive. Die Schwäche ist allerdings ebenso deutlich: Unter Bedingungen sinkender Mitgliederzahlen und knapper werdender Ressourcen wird diese Eigenständigkeit schnell zur Fiktion. Kleinere Gemeinden können ihre Aufgaben oft nur noch formal selbst tragen. Was nach Stärke aussieht, wird dann leicht zur Überforderung.

b) Die Körperschaft des öffentlichen Rechts wird auf die Ebene des Kirchenbezirks verlagert.
Die örtlichen Kirchengemeinden bleiben bestehen, aber die rechtliche Primärverantwortung liegt in einem größeren Verbund. Die Stärke dieses Modells liegt in der Bündelung von Ressourcen und Verantwortung. Es entsteht eine tragfähigere Gemeinschaft. Nicht jede Gemeinde muss jede Last allein tragen. Die Schwäche liegt in der wachsenden Distanz. So wird befürchtet, dass Entscheidungen „in der Ferne“ und über Köpfe hinweg getroffen werden. Die symbolische Selbstständigkeit der Kirchengemeinde wird schwächer. Die Identifikation mit der größeren Ebene bleibt oft geringer als mit der Gemeinde vor Ort.

c) Die Körperschaft des öffentlichen Rechts wird auf regionaler Ebene angesiedelt.
Das wirkt zunächst vermittelnd: näher als ein großer Kirchenbezirk, aber verbindlicher als die einzelne Gemeinde. Die Stärke dieses Modells liegt in genau dieser mittleren Ebene. Regionale Kooperation wird erleichtert, Identität bleibt eher möglich. Aber auch hier bleibt ein Problem: Auch die Region ist nicht unmittelbar vor Ort. Außerdem ist keineswegs sicher, dass eine solche Zwischenebene unter weiterem Schrumpfungsdruck auf Dauer stabil bleibt.

Gerade an der Diskussion um den Körperschaftsstatus wird sichtbar, dass unterschiedliche Organisationsformen unterschiedliche Kirchenbilder mit sich führen. Es geht nicht nur um Verwaltung, sondern um die Frage, wie ortsbezogen und wie regional eine Kirche künftig sein soll. Und es geht um die Frage, was eher kirchliche Identität stiftet: Gebäudebesitz oder Gemeinschaft. Damit verbunden sind die theologischen und pastoralen Grundentscheidungen zwischen flächendeckender und verdichteter Präsenz, zwischen örtlicher Gestalt und größerem Verbund und nicht zuletzt auch zwischen einer Kirche, die weiterhin stark in öffentlich-rechtlichen Formen denkt, und einer, die sich davon innerlich weiter löst.

2. Wo Kirche den Menschen nahekommt

Ein zweites Feld, das in den Reformdiskussionen mindestens ebenso umstritten ist, betrifft die Frage, wo Kirche den Menschen heute eigentlich nahekommt, wo sie also ihren Auftrag der Kommunikation des Evangeliums konkret wahrnimmt. Für viele scheint die Antwort relativ klar: in der Ortskirchengemeinde. Dem stehen jedoch der Anspruch der funktionalen und übergemeindlichen Dienste entgegen, dass gerade sie die Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenswelten aufsuchen.

a) Die Ortskirchengemeinde bleibt der primäre Ort kirchlicher Gestalt.
Die Stärke dieses Ansatzes liegt in der Nähe und in der lokalen Verlässlichkeit. Kirche bleibt im alltäglichen Lebensraum ansprechbar, sichtbar und gegenwärtig. Die Schwäche ist freilich, dass dieses Modell voraussetzt, dass Ortskirchengemeinden weiterhin ein breites und möglichst vollständiges Angebot tragen können. Gerade das wird jedoch immer fraglicher. Hinzu kommt die Gefahr einer Milieuverengung: Nicht selten erreichen Ortsgemeinden längst nur noch bestimmte Gruppen, während andere Lebenswelten kaum noch vorkommen.

b) Der Schwerpunkt liegt stärker auf funktionalen und lebensweltlichen Feldern.
Dazu gehören Seelsorge, Diakonie, Bildungsarbeit, Kirchenmusik, spezialisierte Angebote. Die Stärke liegt darin, dass Kirche dabei dort präsent ist, wo Menschen mit ihren Themen, Brüchen und Fragen tatsächlich in Berührung kommen. Solche Felder können oft fachlich kompetenter und lebensnäher arbeiten als die klassische Ortsgemeinde. Die Schwäche liegt darin, dass die Einheit der unterschiedlichen kirchlichen Arbeitsfelder diffuser wird. Vieles wird dann vielleicht noch kirchlich getragen, aber nicht mehr ohne weiteres als Kirche wahrgenommen. Gemeinschaft bleibt punktueller, weniger dauerhaft, weniger verlässlich.

c) Kirche wird als Verbund unterschiedlicher kirchlicher Orte gedacht.
Nicht jede Gemeinde muss alles selbst leisten, aber auch die funktionalen Dienste stehen nicht einfach für sich. Kirche entsteht dann im Zusammenspiel von Ortskirchengemeinden, regionalen Zentren und spezialisierten Feldern. Die Stärke dieses Modells liegt in seiner Nüchternheit: Kooperation wird nicht als Notbehelf, sondern als Grundform verstanden. Die Schwäche liegt in der Gefahr wachsender Unübersichtlichkeit. Wo viele Orte zusammenspielen, müssen Zuständigkeiten geklärt, Spannungen bearbeitet und neue Konkurrenzen vermieden werden.

Auch hier zeigt sich wieder deutlich, dass es nicht nur um Organisationsfragen geht. Es geht um die theologische und pastorale Grundentscheidung, wo und wie Kirche „bei den Menschen“ ist. Ob Kirche primär vor Ort oder eher funktional erscheint, ob sie flächendeckend oder eher verdichtet arbeitet, ob sie stärker auftrags- beziehungsweise sachorientiert oder stärker von den Lebenslagen der Menschen her denkt.

Was daran sichtbar wird

Blickt man allein auf diese beiden exemplarischen Felder, wird eines deutlich: Keines der Szenarien ist einfach richtig oder falsch. Jedes hat seine Plausibilität, jedes hat seine Stärken, jedes aber auch seine Risiken. Szenarien helfen, Unterschiede anschaulich und sichtbar zu machen und so die Debatte bewusster zu führen.

Vor allem aber macht der Szenarienansatz sichtbar, was in kirchlichen Diskussionen oft implizit bleibt: die dahinterliegenden theologischen und pastoralen Grundentscheidungen. Er hilft, Alternativen nicht nur zu ahnen, sondern auszusprechen. Er macht greifbar, was oft nur unterschwellig mitläuft. Und genau das ist auch für unseren pfälzischen Transformationsprozess hilfreich. Denn auch hier geht es nicht nur darum, wie Kirche organisatorisch neu aufgestellt werden kann. Es geht immer auch darum, welches Bild von Kirche für uns leitend ist.

Damit ist zugleich angedeutet, dass sich Arbeit mit Szenarien auch auf weitere Felder ausdehnen ließe: auf das Verhältnis von Haupt- und Ehrenamt, auf die Frage geteilter Verantwortung, auf das Verhältnis von Kirche und Staat. Auch dort würden sich ähnliche Spannungen und ähnliche theologische Grundkonstellationen zeigen. Die Langfassung dieses Textes geht darauf ausführlicher ein.

Für mich liegt darin die große Stärke des Szenarienansatzes: Er macht sichtbar, dass auch dort theologisch argumentiert wird, wo dies zunächst übersehen wird. Denn die theologischen Grundentscheidungen sind in der Debatte längst wirksam — bei Befürwortern wie bei Gegnern, bei Beharrungskräften wie bei Reformimpulsen. Szenarien helfen, diese theologischen Voraussetzungen klarer zu erkennen, präziser zu benennen und theologisch bewusster zu diskutieren. Zugleich können sie helfen, Entscheidungen zu treffen, weil sie Bilder vor Augen führen, wie Kirche künftig aussehen und in welchen Gestalten sie ihren Auftrag wahrnehmen könnte.

Daher kann ich nur empfehlen, die EKD-Schrift „Entscheiden jenseits vertrauter Horizonte“ zu lesen und sie nicht nur für den Bildungsbereich, sondern im Blick auf den gesamten Transformationsprozess weiterzudenken und zu diskutieren.

CM 23. 4. .26


Dieser Text ist unter Nutzung einer KI entstanden. Die tragenden Gedanken, Überzeugungen und theologischen Setzungen verantwortet der menschliche Autor; die KI war Werkzeug und Resonanzraum.

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