Szenen für eine Kirche im Wandel
Das EKD-Impulspapier „Entscheiden jenseits vertrauter Horizonte“
und der Transformationsprozess der Ev. Kirche der Pfalz
Vertiefte Fassung
Die evangelische Kirche der Pfalz befindet sich, wie viele Kirchen, mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Die Ursachen dafür sind schon oft analysiert und diskutiert worden: Mitgliederschwund, Ressourcenrückgang, Säkularisierung, der schleichende Bedeutungsverlust der Kirchen. Angesichts dieser Entwicklungen wird zurzeit intensiv über die künftige Struktur und Ausrichtung der evangelischen Kirche diskutiert.
Im Zentrum der Diskussion stehen gegenwärtig vor allem Verfassungsfragen. Verhandelt werden Organisationsformen, Zuständigkeiten, Rechtsformen und die Verteilung von Ressourcen. Doch nur an der Oberfläche betrachtet handelt es sich dabei um eine Organisationsdebatte. Denn in den Beiträgen und Stellungnahmen tritt zugleich eine tiefere theologische Dimension zutage.
Hinter den Auseinandersetzungen über Organisationsfragen stehen zugleich unterschiedliche Vorstellungen davon, was Kirche ist, wie sie ihren Auftrag versteht und vor allem, wie sie künftig aufgestellt sein soll. Protestantisch betrachtet gibt es zwar eine vergleichsweise hohe Freiheit in der Form der Organisation von Kirche. Aber gerade diese Vielfalt der zugrunde liegenden theologischen Kirchenbilder prägt die Debatte in erheblichem Maß. In ganz erheblichem Maße hängt die Schärfe, mit der Strukturfragen verhandelt werden, damit zusammen, dass in ihnen grundlegende Überzeugungen darüber berührt werden, was Glaube und Kirche im tieferen Sinn sind und sein sollen.
Das Problem ist nur: Diese Voraussetzungen, diese tieferen Dimensionen und theologischen Überzeugungen kommen in der Debatte oft nur implizit zum Ausdruck. Sie werden selten ausdrücklich benannt, entfaltet und diskutiert. Sie wirken unterschwellig, brechen aber an bestimmten Konfliktpunkten immer wieder neu auf.
Darum lohnt es sich, die gegenwärtige Debatte nicht nur als Strukturdebatte, sondern zugleich als theologische Debatte um das Kirchenbild und um die Zukunft der Kirche zu lesen. Mit meinem Kurzessay zu den impliziten Axiomen habe ich dazu bereits einen ersten Vorschlag vorgelegt, wie sich solche im Hintergrund wirksamen Grundüberzeugungen explizit machen lassen.
Szenarien als Werkzeug der Klärung
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt nun die von der Bildungsabteilung der EKD vorgelegte Schrift „Entscheiden jenseits vertrauter Horizonte“. Sie versucht, mit Hilfe von Szenarien und den ihnen zugrunde liegenden theologischen Grundentscheidungen ein Instrument zur bewussteren Entscheidungsfindung in unsicheren Zeiten zu bieten. Die Impulsschrift fokussiert zwar auf den Bildungsbereich, aber der darin vertretene Ansatz lässt sich gut auch auf andere kirchliche Felder übertragen. Im Folgenden soll es deshalb darum gehen, die von der EKD vorgeschlagenen Werkzeuge auf unsere pfälzische Reformdebatte und auf die darin wirksamen impliziten Annahmen anzuwenden.
Das EKD-Impulspapier arbeitet mit der Idee, zu einzelnen Fragestellungen verschiedene Szenarien zu entwickeln. Diese Szenarien machen unterschiedliche Optionen sichtbar und können gerade dadurch helfen, Entscheidungen zu erleichtern. Zugleich zeigt das Papier, wie verschiedene Grundentscheidungen hinter einzelnen Szenarien stehen. Darin liegt meines Erachtens der besondere Reiz: Es wird deutlich, wie bestimmte Grundannahmen zu bestimmten Szenarien führen und umgekehrt, auf welchen Vorentscheidungen bestimmte Szenarien beruhen.
Nacheinander werden unterschiedliche Bereiche kirchlicher Bildungsarbeit mit Hilfe von Szenarien durchbuchstabiert. So werden zum Beispiel für die evangelische Kita-Arbeit folgende Szenarien entwickelt: die Kita als Beitrag zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Bildungsauftrag, die evangelische Kita im sozialräumlichen Fokus oder die Kita als evangelische Profileinrichtung. Zugleich werden die dahinterliegenden Grundentscheidungen durchleuchtet, etwa die Frage nach flächendeckender oder punktueller Interaktion kirchlichen Handelns, nach konfessioneller Profilierung oder pluralistisch-kooperativer Ausrichtung oder auch danach, ob Kirche sich eher nach außen wendet oder stärker nach innen orientiert ist.
Sechs Grundentscheidungen im Hintergrund
Alle Szenarien werden in der EKD-Schrift wiederum auf ein Schema von sechs theologisch-ekklesiologischen Grundentscheidungen bezogen. Diese werden jeweils als Verortung in der Spannung zwischen zwei dialektischen Polen gefasst.
So betrifft die erste Grundentscheidung das Verhältnis von Kirche und Staat: Wird dieses Verhältnis eher kooperativ gedacht, oder soll sich Kirche dem Staat gegenüber unabhängiger aufstellen?
Die zweite Grundentscheidung richtet den Blick auf die Reichweite kirchlicher Präsenz. Wird eher eine flächendeckende Präsenz der Kirche angestrebt, wie sie dem volkskirchlichen Ideal entspricht, oder konzentriert man sich stärker auf punktuelle Präsenzformen, in denen kirchliches Handeln verdichtet sichtbar wird?
Die dritte Grundspannung bezieht sich auf die Handlungslogik kirchlicher Praxis. Liegt der Schwerpunkt kirchlicher Praxis vor Ort, also in der Ortskirchengemeinde und ihrer Logik möglichst umfassender Präsenz, oder ist das Handeln der Kirche stärker funktional zu denken, also eher von Zielgruppen, Bedürfnissen und Aufgaben her?
Eine vierte Grundentscheidung betrifft das Verhältnis der Kirche zu anderen. Wird Kirche eher konfessionell profiliert verstanden, oder versteht sie sich pluralitätsorientiert und pluralitätsoffen im Blick auf andere Partner?
Als fünftes Spannungspaar wird im Kontext der Bildungsarbeit die klassische Unterscheidung zwischen Sachlogik und Subjektlogik aufgenommen. Diese lässt sich nicht völlig ungebrochen auf andere Arbeitsbereiche übertragen. Ich schlage deshalb vor, hier allgemeiner von einer Spannung zwischen Auftrags- und Sachorientierung auf der einen Seite und Subjektorientierung auf der anderen Seite zu sprechen. So ließe sich diese Achse auch auf andere kirchliche Handlungsfelder beziehen.
Die sechste Grundentscheidung betrifft das Selbstverständnis der Kirche. Ist Kirche eher nach innen, also auf ihre Mitglieder und ihre eigene Gestalt hin orientiert, oder versteht sie sich stärker nach außen gerichtet?
Szenarien als idealtypische Zuspitzungen
Die genannten Gegensätze stellen freilich keine strikten Ausschließlichkeiten dar. Vielmehr geht es um Spannungen, innerhalb derer unterschiedliche Verortungen möglich sind. Zwar wird in der EKD-Schrift selbst für die einzelnen Szenarien jeweils entweder eine Verortung an einem der beiden Pole oder in einer mittleren, „neutralen“ Position angenommen. Das ist sinnvoll, um die Szenarien übersichtlich und anschaulich zu halten. In der Realität wird man hier mit deutlich mehr Graustufen rechnen müssen.
Zugleich geht das EKD-Papier von einem Ideal aus, nach dem zuerst bestimmte theologische Grundentscheidungen getroffen werden und aus diesen dann bestimmte Konsequenzen für einzelne Handlungsbereiche folgen, die wiederum in den Szenarien veranschaulicht werden können.
Hermeneutisch mag man sich jedoch fragen, inwiefern umgekehrt die idealtypischen Szenen zugleich auch zur Identifizierung des Sets von Grundentscheidungen dienen. In der Realität wird es wohl selten einlinige und konsequente Ableitungen geben. Nicht immer führen bestimmte Grundentscheidungen automatisch zu ganz bestimmten Szenarien. Faktisch lässt sich allzu oft beobachten, dass jemand theoretisch in einer Grundfrage eher zu der einen Seite neigt, im Blick auf konkrete Szenarien aber doch eine andere Lösung bevorzugt, die eigentlich auf einer anderen Grundentscheidung basiert. Ebenso ist es möglich, dass unterschiedliche Szenarien präferiert werden, deren zugrunde liegende Grundentscheidungen durchaus in Spannung zueinander stehen. Zwischen Szenarien und Grundentscheidungen gibt es also nicht immer eine einfache Eins-zu-eins-Zuordnung. Genau an dieser Stelle entsteht Klärungs- und Diskussionsbedarf.
Zugleich muss bewusst bleiben, dass Szenarien idealtypische Zuspitzungen sind. Gerade darin liegt aber ihr Sinn. Sie vereinfachen, um sichtbar zu machen. Sie schärfen Kontraste, um das zu erkennen, was in der Realität oft ineinanderläuft. In der konkreten kirchlichen Praxis werden sich Mischformen, Übergänge, Spannungen und Kompromisse ergeben.
Vier Felder der pfälzischen Debatte
Dennoch scheint mir der Szenarienansatz der EKD-Schrift vielversprechend. Deshalb soll im Folgenden mit dem Instrumentarium der Impulsschrift auch unsere pfälzische Debatte in den Blick genommen werden. Denn auch hier gibt es typische Konfliktfelder, in denen es hilfreich sein könnte, Szenarien zu entwickeln, um Entscheidungen zu klären und zu erleichtern.
Ziel ist es auch hierbei nicht, einen Masterplan zu entwickeln. Es geht vielmehr darum, mit Hilfe von Szenarien mehr Klarheit darüber zu gewinnen, welche Vorentscheidungen und theologischen Grundentscheidungen in der laufenden Debatte wirksam sind. Zugleich kann die Anschaulichkeit solcher Szenarien helfen, künftige Entscheidungen zu erleichtern.
Vier exemplarische Felder sollen im Folgenden analysiert werden: Gestalt von Kirchengemeinde, primäre Begegnungsformen, Haupt- und Ehrenamt sowie das Verhältnis von Kirche und Staat.
1. Kirchengemeinde und Rechtsgestalt
Im Moment am heftigsten umstritten ist die Frage nach der künftigen Rechtsgestalt der Kirchengemeinde. Gerade hier zeigt sich besonders deutlich, dass es nicht nur um eine verwaltungstechnische oder organisatorische Frage geht. Im Hintergrund steht vielmehr die Frage, wie Kirche künftig verfasst sein soll. Es geht um Selbstständigkeit, Nähe, Verantwortung, aber auch um Verbund und Miteinander. Und es geht darum, wie und wo der kirchliche Auftrag künftig am besten erfüllt werden kann. Drei mögliche Szenarien sind dabei idealtypisch in der Diskussion.
Szenario A: Die Kirchengemeinde bleibt Körperschaft des öffentlichen Rechts
Dieses Szenario setzt darauf, dass die bisherige Logik örtlicher Selbstständigkeit bestehen bleibt. Die Kirchengemeinde bleibt weiterhin Körperschaft des öffentlichen Rechts, mit eigenem Haushalt, eigenem Vermögen und eigenem Gebäudebesitz. Das Presbyterium bestimmt darüber und trägt weiterhin die rechtliche Verantwortung vor Ort.
Die Stärke dieses Ansatzes liegt in der hohen rechtlichen und symbolischen Selbstständigkeit der Kirchengemeinde. Verantwortung bleibt dort verankert, wo kirchliches Leben konkret sichtbar ist. Dadurch wird nicht nur eine starke lokale Identität gefördert; die Gemeinde erscheint auch nicht bloß als Untereinheit eines größeren Ganzen, sondern als eigenständige Gestalt kirchlichen Lebens. Gerade diese klare örtliche Verankerung hat in der evangelischen Tradition Gewicht.
Die Schwäche dieses Modells liegt darin, dass bei rückläufigen Mitgliederzahlen und sinkenden Ressourcen gerade kleinere Gemeinden schnell an ihre Grenzen kommen. Finanzielle Verpflichtungen, etwa bei Instandhaltungskosten, lassen sich oft kaum noch tragen. Hinzu kommt, dass Pfarrpersonen und andere Mitarbeitende immer mehr Gemeinden zugleich betreuen müssen, sodass die rechtliche Eigenständigkeit zwar formal bestehen bleibt, real aber immer schwerer ausgefüllt werden kann. Damit wächst die Diskrepanz zwischen formaler Selbstständigkeit und tatsächlicher Handlungsfähigkeit.
Szenario B: Die Körperschaft des öffentlichen Rechts liegt auf Ebene des Kirchenbezirks
Hier bleiben die örtlichen Kirchengemeinden bestehen und behalten auch eigene Selbstverwaltungsrechte. Sie sind jedoch nicht mehr selbst Körperschaften des öffentlichen Rechts, sondern werden zu Körperschaften kirchlichen Rechts. Der Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts wird auf die Ebene eines größeren Kirchenbezirks verlagert, der den rechtlichen Verbund bildet.
Die Stärke dieses Modells liegt in der Bündelung von Ressourcen und Verantwortung. Es entsteht ein tragfähiger größerer Zusammenhang, in dem nicht jede Gemeinde jede Last allein tragen muss. Projekte können solidarisch gestemmt, personelle und finanzielle Mittel besser verteilt und strukturelle Übergänge stabiler organisiert werden. Die Struktur gewinnt an Stabilität, während die örtliche Ebene sichtbar bleibt, ohne die gesamte Last rechtlicher Selbstständigkeit allein tragen zu müssen.
Die Schwäche dieses Modells liegt in der wachsenden Distanz zwischen rechtlicher Entscheidungsebene und örtlicher Gemeinde. Gemeinden können den Eindruck gewinnen, dass Entscheidungen „von ferne“ getroffen werden. Die symbolische Selbstständigkeit der Kirchengemeinde wird abgeschwächt, und die Identifikation mit der größeren Ebene ist meist geringer als mit der Gemeinde vor Ort. Damit dieses Modell nicht als bloßer Zentralisierungsschritt erlebt wird, wäre ein hohes Maß an kommunikativer und partizipativer Sorgfalt nötig.
Szenario C: Die Körperschaft des öffentlichen Rechts wird auf regionaler Ebene angesiedelt
Hier liegt die primäre rechtliche Verantwortung weder bei der einzelnen Ortsgemeinde noch beim „großen“ Kirchenbezirk, sondern auf regionaler Ebene. Die Region wird zur maßgeblichen Trägerstruktur. Die Gemeinde vor Ort bleibt Bezugspunkt, aber die eigentliche Rechtsgestalt liegt auf einer mittleren Ebene.
Die Stärke dieses Modells bestünde darin, dass ein regionaler Bezug erkennbar bliebe und Identität damit weiterhin möglich wäre. Zugleich würden Kooperationen innerhalb der Region nicht nur erleichtert, sondern strukturell vorausgesetzt. Die Ebene ist groß genug, um Ressourcen zu bündeln und Verantwortung gemeinsam zu organisieren, bleibt aber kleiner und überschaubarer als ein umfassender Großbezirk.
Die Schwäche dieses Modells liegt darin, dass auch eine regionale Organisation nicht unmittelbar vor Ort ist. Aus Sicht der einzelnen Gemeinde bleibt also ein Moment von Fremdheit und Distanz bestehen. Hinzu kommt die Gefahr, dass bei weiterem Rückgang von Ressourcen auch diese Strukturen bald wieder unter Druck geraten könnten. Dann würde sich die Region womöglich weniger als tragfähige neue Ebene erweisen als vielmehr als Zwischenstufe, auf die bald die nächste Umstrukturierung folgt.
Stellt man sich diese drei Szenarien vor Augen, wird schnell sichtbar, dass keines von ihnen einfach nur richtig oder falsch ist. Jedes Modell hat seine eigene Plausibilität. Aber jedes setzt andere Akzente bei Selbstständigkeit, Nähe, Bündelung und Zukunftsfähigkeit. Genau darin liegt der Gewinn der Szenarienbildung: Sie macht sichtbar, dass unterschiedliche Ordnungsmodelle unterschiedliche Kirchenbilder mit sich führen.
Dahinterliegende Grundentscheidungen
Berührt sind hier vor allem die Fragen, ob Kirche künftig eher flächendeckend oder eher in verdichteten Strukturen arbeiten soll, ob kirchliche Gestalt primär vor Ort oder stärker in größeren Verbünden organisiert wird und wie stark Kirche weiterhin in öffentlich-rechtlichen Formen denkt und handelt. So ist die Debatte über die Rechtsgestalt der Kirchengemeinde eben nicht nur eine Debatte über Verwaltungsstruktur. In ihr entscheidet sich mit, ob Kirche eher von kleinen lokalen Zellen oder von einer größeren Gemeinschaft her gedacht wird.
2. Wo Kirche den Menschen nahekommt: Ortskirchengemeinde, Verbund oder funktionale Dienste
In diesem Szenarienfeld geht es um die Frage, wo Kirche den Menschen tatsächlich nahekommt, um ihren Auftrag auszuführen. Genau hier verläuft eine wichtige Debatte: Was heißt „nahe bei den Menschen“? Geschieht dies vor allem örtlich und parochial in der Ortskirchengemeinde oder eher in funktionalen und lebensweltbezogenen Arbeitsfeldern?
Szenario A: Die Ortskirchengemeinde ist der primäre Ort kirchlicher Gestalt
Hier steht die Grundannahme dahinter, dass Kirche den Menschen zuallererst und vor allem in der örtlichen Kirchengemeinde begegnet. Die Ortskirchengemeinde bleibt das Grundmodell. Von daher sollen möglichst viele Grundvollzüge direkt vor Ort präsent und handlungsfähig gehalten werden.
Die Stärke dieses Ansatzes liegt in der hohen Nähe und der lokalen Verlässlichkeit kirchlichen Handelns. Kirche bleibt im konkreten alltäglichen Lebensraum identifizierbar. Sie ist ansprechbar, sichtbar und nicht nur punktuell, sondern dauerhaft erfahrbar.
Die Schwäche dieses Modells liegt darin, dass es voraussetzt, dass Ortskirchengemeinden ein sehr breites und möglichst vollständiges Angebot tragen können. Gerade das lässt sich jedoch immer weniger beobachten. Hinzu kommt die Gefahr einer erheblichen Milieuverengung: Oft sind nur noch bestimmte Schichten und Milieus präsent, während andere Lebensschichten und ganze Lebensbereiche kaum erreicht werden. Insofern ist auch die lokale Gemeinde nicht einfach der umfassende Ort kirchlicher Präsenz, sondern selbst ein sehr spezifischer Zugang.
Szenario B: Kirche begegnet den Menschen in funktionalen und lebensweltlichen Bezügen
Hier begegnet Kirche den Menschen eher in funktionalen und lebensweltlichen Zusammenhängen: in Seelsorge, Diakonie, Bildungsangeboten, Kirchenmusik oder anderen spezialisierten Arbeitsfeldern. Diese Felder werden nicht nur als Ergänzung verstanden, sondern als eigenständige Gestalten kirchlicher Präsenz.
Die Stärke dieses Modells liegt darin, dass Kirche dort präsent ist, wo Menschen mit ihren Themen und Lebenslagen tatsächlich in Berührung kommen. In diesen Feldern kann oft eine höhere fachliche Kompetenz ausgebildet werden. Außerdem werden auf diesem Weg Menschen erreicht, die die lokal verfassten Kirchengemeinden längst nicht mehr erreichen. Das entspricht einer flexibleren modernen Lebensform, die sich nicht mehr primär lokal definiert.
Die Schwäche dieses Modells besteht darin, dass die Einheit kirchlicher Gestalt diffuser werden kann. Manche Angebote werden dann gar nicht mehr bewusst als Kirche identifiziert und wahrgenommen. Der Gemeinschaftsgedanke, den Kirche ebenfalls mitträgt, ist in solchen funktionalen Formen oft nur punktuell ausgebildet. Hinzu kommt, dass diese Präsenz häufig weniger dauerhaft und weniger verlässlich ist.
Szenario C: Kirche als Verbund unterschiedlicher kirchlicher Orte
Die Grundannahme dieses Szenarios ist, dass nicht jede Kirchengemeinde alles selbst leisten muss, dass aber auch die funktionalen Dienste ein regionales Standbein brauchen. Kirche entsteht dann im Zusammenspiel von Ortskirchengemeinden, regionalen Zentren, kooperierenden Funktionen und Sonderdiensten.
Die Stärke dieses Modells liegt in einer realistischeren Verteilung von Aufgaben und Ressourcen. Kooperation wird hier normal und nicht bloß als Notbehelf verstanden. Die Chance besteht darin, dass Menschen sowohl lokal als auch in unterschiedlichen Lebenslagen angesprochen werden können. Kirche wäre dann weder ausschließlich parochial noch ausschließlich funktional bestimmt, sondern mehrgestaltig und vernetzt.
Die Schwäche dieses Modells liegt darin, dass Zuständigkeiten leicht unübersichtlich werden. Es braucht ein hohes Maß an Abstimmung und gegenseitigem Verstehen der unterschiedlichen Arbeitsfelder. Zudem besteht die Gefahr neuer Konkurrenzen, wenn nicht klar ist, wie sich örtliche Präsenz, regionale Zentren und funktionale Dienste zueinander verhalten.
Dahinterliegende Grundentscheidungen
Im Zentrum dieses Feldes steht die Frage, ob Kirche primär vor Ort oder eher funktional erscheint, ob sie flächendeckend oder verdichtet arbeitet und ob sie stärker auftrags- und sachorientiert vorgeht oder die Subjektorientierung in den Vordergrund rückt. Zugleich wird sich diese Frage nicht beantworten lassen, ohne auch darauf zu blicken, ob Kirche hier eher konfessionell eigenständig profiliert oder ökumenisch und pluralitätsoffen verfasst sein soll.
3. Wer trägt Kirche: Hauptamt, multiprofessionelle Teams und geteilte Verantwortung
In diesem Feld geht es um die Frage, wer kirchliches Leben künftig tatsächlich trägt. Lange war das Grundmodell klar: Hauptamtliche, vor allem Pfarrpersonen, waren die primären Träger kirchlichen Lebens. Andere Professionen unterstützten sie darin, Ehrenamtliche wirkten mit und haben etwa im Presbyterium selbstverständlich auch immer schon Verantwortung getragen. Dennoch war das kirchliche Grundmodell insgesamt stark auf das Hauptamt, insbesondere auf das Pfarramt, fokussiert.
Unter den veränderten Bedingungen wird diese Logik fraglicher. Es wird künftig weniger pastorales Personal geben, ebenso weniger Personal im pädagogisch-diakonischen Bereich. Zugleich werden die Räume, die von diesem hauptamtlichen Personal zu versorgen sind, größer. Gleichzeitig erfordert unsere Gesellschaft eine immer stärkere Spezialisierung, um auf unterschiedliche Lebenslagen überhaupt angemessen reagieren zu können. Deshalb stellt sich die Frage neu: Bleibt Kirche primär hauptamtlich orientiert? Werden Ehrenamtliche stärker hinzugezogen? Oder lässt sich ein Modell geteilter Verantwortung entwickeln?
Damit geht es nicht nur um Personalplanung, sondern um eine Grundfrage der Ekklesiologie: um das Verhältnis von Amt und Ehrenamt, um das Priestertum aller Gläubigen und um die Frage, wer in der Kirche eigentlich als handelndes Subjekt gedacht wird.
Szenario A: Das Hauptamt bleibt primärer Träger kirchlichen Lebens
Hier bleiben die Hauptamtlichen, insbesondere die Pfarrperson, die eigentlichen Träger der kirchlichen Praxis. Andere Professionen und Ehrenamtliche unterstützen darin, die pastorale Hauptverantwortung bleibt jedoch beim Pfarramt.
Die Stärke dieses Modells liegt in klaren Verantwortungsstrukturen und in einer hohen fachlich-theologischen und liturgischen Verlässlichkeit. Die Hauptamtlichkeit garantiert Kontinuität und Sicherheit im kirchlichen Handeln. Zudem bleibt das Amt als identifizierbare Figur kirchlicher Leitung vor Ort präsent.
Die Schwäche dieses Modells liegt in seiner starken Fixierung auf das Pfarramt. Unter Bedingungen sinkender Ressourcen lässt sich dieses Modell immer schwerer durchhalten, sodass eine Überlastung der Hauptamtlichen droht. Vor allem aber werden die Gaben und Fähigkeiten anderer Professionen sowie des Ehrenamts in diesem Modell oft nicht wirklich ernst genommen. Kirche erscheint dann eher als Sache von Professionellen und weniger als gemeinsame Praxis vieler.
Szenario B: Kirche wird multiprofessionell getragen
Hier wird kirchliche Tätigkeit stärker als Aufgabe multiprofessioneller Teams gedacht. Unterschiedliche Professionen übernehmen in einer Region Verantwortung und prägen das kirchliche Handeln gemeinsam.
Die Stärke dieses Modells liegt im Zusammenwirken unterschiedlicher Kompetenzen. Ressourcen können gebündelt, Aufgaben flexibler verteilt und fachliche Standards in verschiedenen Bereichen besser gesichert werden. In einer komplexen Gesellschaft spricht einiges dafür, kirchliches Handeln nicht mehr allein vom Pfarramt her zu organisieren.
Die Schwäche dieses Modells liegt darin, dass Ehrenamtliche auch hier zu wenig einbezogen werden können. Außerdem besteht die Gefahr einer gewissen Verzettelung: Teams verteilen sich über größere Regionen, Zuständigkeiten werden unübersichtlicher, und für die Menschen vor Ort wird nicht immer klar, wer eigentlich wofür ansprechbar ist.
Szenario C: Kirche wird als Verantwortungsgemeinschaft vieler gedacht
Hier stehen Haupt- und Ehrenamt nicht mehr in einem Verhältnis von Zentrum und Zuarbeit, sondern teilen sich die Verantwortung. Hauptamtliche behalten ihre besonderen Rollen, insbesondere im Blick auf theologische Kompetenz, Leitung und Verantwortung. Zugleich bringen Ehrenamtliche ihre Gaben und Fähigkeiten nicht nur unterstützend, sondern mittragend ein.
Die Stärke dieses Modells liegt darin, dass Arbeit auf viele Schultern verteilt wird und unterschiedliche Gaben tatsächlich zur Geltung kommen können. Kirche erscheint hier wirklich als gemeinsame Praxis vieler. Das fördert Mündigkeit, Verantwortungskultur und Beteiligung.
Die Schwäche liegt darin, dass ein solches Modell einen hohen Bedarf an Qualifikation, Begleitung und Abstimmung mit sich bringt. Es braucht klare Absprachen und eine verlässliche Kultur der Zusammenarbeit. Die Gefahr diffuser Zuständigkeiten ist erheblich. Zudem lassen sich nicht alle Aufgaben ohne Weiteres teilen.
Dahinterliegende Grundentscheidungen
Diese Szenarien machen deutlich, dass es hier nicht nur um Personalfragen geht. Im Hintergrund steht vielmehr die Frage, ob Kirche eher von Funktionen und professionellen Rollen her oder stärker von den vor Ort Beteiligten und ihren Gaben her gedacht wird. Hier lässt sich auch die Grundentscheidung zwischen Auftrags- und Sachorientierung auf der einen Seite und einer stärkeren Orientierung an den Subjekten und ihren Bedürfnissen auf der anderen Seite wiederfinden.
4. Kirche und Staat: Kooperation oder größere Distanz?
In diesem Feld geht es um das Verhältnis von Kirche und Staat. Dieses Verhältnis war in Deutschland lange Zeit stark kooperativ geprägt. Das zeigt sich etwa im Religionsunterricht, in kooperativen Trägerschaften, im Kirchensteuereinzug durch den Staat und in vielen Formen öffentlicher Präsenz und Mitwirkung. In politisch bewegten Zeiten ist das Verhältnis von Kirche und Staat allerdings kein Randthema, sondern wird zu einer Kernfrage kirchlichen Selbstverständnisses.
Szenario A: Kirche hält an einer engen kooperativen Beziehung zum Staat fest
Hier versteht sich Kirche weiterhin als verlässliche Partnerin des Staates in Bildungs- und Sozialwesen, in Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Mitverantwortung. Das Modell der öffentlich-rechtlichen Kooperation bleibt Leitmodell.
Die Stärke dieses Modells liegt in einer hohen öffentlichen Wirksamkeit und Sichtbarkeit der Kirche. Für die Kirche selbst bietet es stabile institutionelle Rahmenbedingungen. Es ermöglicht ihr, gesellschaftliche Verantwortung breit wahrzunehmen. Auch wenn Kirche kleiner wird, bleibt sie so ein relevanter Akteur im öffentlichen Raum.
Die Probleme dieses Modells liegen in der Gefahr einer starken Abhängigkeit von staatlichen Logiken und Erwartungen. Kirche kann sich dann leicht an staatlichen Handlungsformen orientieren, statt aus ihrer eigenen theologischen Logik heraus zu handeln. Zudem wird sie in erheblichem Maß von öffentlicher Anerkennung und institutionellen Leistungen abhängig. Fraglich ist dann auch, wie weit Kirche unter solchen Bedingungen dem Staat noch als kritisches Gegenüber gegenübertreten kann.
Szenario B: Kirche sucht bewusst größere Unabhängigkeit vom Staat
Hier reduziert Kirche ihre institutionelle Nähe zum Staat bewusst. Sie setzt stärker auf Eigenständigkeit, eigenes Profil und größere Freiheit. Kooperationen bleiben möglich, sind aber nicht länger das Grundmodell kirchlicher Selbstverortung.
Die Stärke dieses Modells liegt darin, dass die kirchliche Handlungslogik stärker zur Geltung kommen kann. Kirche wird unabhängiger von politischen Mehrheitsverhältnissen und gewinnt größere Freiheit zu Kritik und Widerspruch. Auch die Gefahr, staatlich oder gesellschaftlich instrumentalisiert zu werden, wird geringer.
Die Schwäche dieses Modells liegt im möglichen Verlust institutioneller Reichweite und öffentlicher Präsenz. Finanzielle und organisatorische Folgen wären erheblich. Eine Kirche, die sich von staatlichen Leistungen und Verflechtungen unabhängiger macht, müsste auch mit weniger Absicherungen rechnen. Das könnte dazu führen, dass sie sich aus etablierten Feldern zurückzieht und damit Gefahr läuft, sich selbst zu marginalisieren.
Szenario C: Kirche setzt bewusst auf kritische Distanz und versteht sich stärker als Gegenmodell
Hier sucht Kirche nicht nur größere Unabhängigkeit, sondern setzt bewusst auf Distanz. Kooperationen wären nur noch dort denkbar, wo sie aus der eigenen theologischen Logik heraus sinnvoll erscheinen und nicht zu ungewollten Bindungen führen.
Die Stärke dieses Modells liegt darin, dass kirchliche Identität und eigene Logik besonders deutlich hervortreten können. Kirche wäre freier gegenüber staatlichen Vorgaben, politischen Konjunkturen und gesellschaftlichen Moden. Dadurch könnte ein klareres Profil entstehen, ebenso eine deutlichere Sprache des Widerspruchs.
Die Schwäche dieses Modells liegt in der drohenden Selbstmarginalisierung. Reichweite und öffentliche Präsenz würden weiter zurückgehen. Auch ein massiver Ressourcenrückgang wäre wahrscheinlich. Die Frage wäre, ob dadurch tatsächlich geistliche Freiheit gewonnen wird — oder ob Kirche sich aus gesellschaftlicher Verantwortung und öffentlicher Mitgestaltung zu weit zurückzieht.
Dahinterliegende Grundentscheidungen
Auch hier werden grundlegende Entscheidungen sichtbar. Natürlich geht es zuerst um die Frage, ob das Verhältnis von Kirche und Staat eher kooperativ oder eher unabhängig gedacht wird. Zugleich berührt dieses Feld aber auch das Selbstverständnis der Kirche: Ist kirchliches Handeln stärker nach innen gerichtet oder stärker nach außen? Ebenso stellt sich die Frage, ob Kirche eher konfessionell profiliert oder pluralitätsoffen verstanden werden soll. So zeigt sich auch hier: Die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Staat ist nicht nur organisatorisch oder rechtlich, sondern in einem tiefen Sinn ekklesiologisch.
Was die Szenarien sichtbar machen
Blickt man auf diese vier Szenarienfelder zurück, so zeigt sich zunächst, dass es zu allen Fragen unterschiedliche Organisationsoptionen gibt. Es gibt jeweils verschiedene pragmatische und technische Varianten, die sich sicher noch weiter ausdifferenzieren ließen. Deutlich wird allerdings auch, dass es hier nicht nur um Organisationsoptionen geht. In allen Fällen spielen unterschiedliche Grundüberzeugungen von Kirche und ihrer Gegenwart in der Gesellschaft eine Rolle. Mit den Organisationsmodellen verbinden sich theologische Vorentscheidungen, die in die Bewertung mit einfließen.
Zugleich zeigt sich, dass keines der entwickelten Szenarien einfach richtig oder falsch ist. Jedes Szenario hat seine Plausibilität, jedes hat seine Stärken, aber eben auch seine Schwächen und Risiken. Gerade das macht die Arbeit mit Szenarien hilfreich: Sie zielt nicht darauf, vorschnell die eine richtige Lösung zu identifizieren, sondern darauf, Unterschiede sichtbar zu machen und die Debatte bewusster zu führen.
Wiederkehrende Grundfragen
Sichtbar wird dabei auch, dass bestimmte Grundfragen immer wiederkehren. Ob man dafür genau die im EKD-Impulspapier benannten Grundentscheidungen zugrunde legt oder sie noch weiterentwickeln und ergänzen müsste, wäre eigens zu diskutieren. Klar ist aber: In den verschiedenen Feldern tauchen ähnliche Spannungen immer wieder auf. Es geht um Nähe und Bündelung, um lokale Präsenz und funktionale Differenzierung, um Kooperation und Unabhängigkeit, um Auftragsorientierung und Subjektorientierung, um Innen- und Außenorientierung kirchlichen Handelns.
Muster und Cluster
Zugleich ist erkennbar, dass sich szenarienübergreifend bestimmte Muster oder Cluster bilden. Bestimmte Grundentscheidungen treten häufig gemeinsam auf und führen zu ähnlichen Szenarien. Man könnte etwa an ein Cluster denken, das starke Ortskirchengemeinden, flächendeckende Präsenz und kooperative Staatsnähe miteinander verbindet. Ein anderes Cluster könnte eher von verdichteter Präsenz, stärkerer Funktionalität, größerer Unabhängigkeit und deutlicherer Profilierung geprägt sein. Solche Häufungen sind aufschlussreich, weil sie zeigen, dass hinter Einzelentscheidungen oft größere Muster stehen. Diese Clusterbildung bedürfte allerdings nochmals einer eigenen differenzierten Analyse.
Szenarien für bewusstere Entscheidungen
Der von der EKD-Schrift entwickelte Szenarienansatz erweist sich damit als ein hilfreiches Werkzeug auch für unsere pfälzische Transformationsdiskussion. Er nimmt uns keine Entscheidungen ab. Aber er zwingt dazu, genauer hinzusehen: Welche theologischen Voraussetzungen leiten uns? Welche Bilder von Kirche stehen hinter unseren Strukturvorschlägen? Und welche Gestalt von Kirche wollen wir mit unseren Entscheidungen ermöglichen? Gerade darum lohnt es sich, diesen Ansatz nicht nur für den Bildungsbereich, sondern für den gesamten Transformationsprozess weiterzudenken.
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Dieser Text ist unter Nutzung einer KI entstanden. Die tragenden Gedanken, Überzeugungen und theologischen Setzungen verantwortet der menschliche Autor; die KI war Werkzeug und Resonanzraum.
